obstbauberatung

 

Streuobst

In Baden-Württemberg stehen derzeit noch ungefähr 10 Millionen hochstämmige Obstbäume auf einer Fläche von 100 000 Hektar. Jeder zweite Streuobstbaum in Deutschland steht in Baden Württemberg.


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Zur Geschichte des Obstbaus und der obstbaulichen Beratung


Andreas Schneider-Marfels, Freiburg

Der Ursprung des Obstbaues ist geknüpft an bestimmte klimatische Verhältnisse, möglicherweise sogar an Zufälle. Er wurde durch die Berührung mit anderen Kulturkreisen erweitert, geformt und gefördert von zahlreichen Menschen, die ihm Impulse gaben oder dem Obstbau gar ihr ganzes Leben in rastloser Arbeit widmeten.

Viele dieser “lmpulsgeber“ könnte man im modernen Sprachgebrauch durchaus als „Fachberater“ bezeichnen. Auf jeden Fall ist die Kenntnis der geschichtlichen Entwicklung des Obstbaues und die Arbeit dieser Menschen für das Verstehen der heutigen Situation von Bedeutung.

Der moderne/aktuelle Obstbau in Baden-Württemberg weist eine verhältnismäßig lange geschichtliche Entwicklung auf. Sie hängt mit der Besiedlung des Gebietes und kulturellen Traditionen eng zusammen. Im Bodensatz historischer Pfahlbauten am Ufer des Bodensees bei Unteruhldingen fand man Reste von Holzäpfelchen (Malus sylvestris). Diesen ähnlich waren Bruchstücke von Apfelstücken, die in Hütten bandkeramischer Siedlungen im württembergischen Unterland gefunden wurden.

Mit der Wanderung der Indogermanen aus Mittel- und Vorderasien kamen auch großfrüchtige und süßlich schmeckende Urformen des europäischen Kulturapfels über Griechenland nach Mitteleuropa. In den Jahrhunderten danach wurde die Kultur der Birnen und Äpfel vor allem in der Antike hochentwickelt. Homer schrieb etwa 1000 v.Chr.: „... die Birne sei eine der Gaben der Götter’’. Theophrastus von Ephesos (372 bis 287 v. Chr.) kannte schon das Veredeln der Obstbäume und gab Hinweise für eine günstige Bevorratung ihrer Früchte.

Plinius

Plinius Secundus
23 bis 79 n.Chr.
beschrieb bereits 39 Birnensorten, 23 Apfelsorten, 9 Pflaumen und 7 Kirschensorten

Theophrast

Theophrast,
Schüler von Plato und Aristoteles
372 bis 287 v. Chr.
kannte bereits die Kunst des Veredelns und beschrieb 6 Apfel- und 4 Birnensorten

Im Römischen Reich blühte besonders die Apfelkultur auf. Plinius der Ältere (24 bis 79 n.Chr.) berichtete über detaillierte Sortenbeschreibungen und von zahlreichen Sortennamen, abgeleitet von Orten, Landschaften und Entdeckern. Auch das „Mostmachen“ war den Römern vertraut. Die Obstkultur in Mitteleuropa wurde durch bisher wenig bekannte Gattungen, Arten und Sorten aus dem Mittelmeerraum und aus Asien bis hinein nach China bereichert: Süßkirschen, Pflaumen, Pfirsiche, Aprikosen und Quitten! Durch die Wirren der germanischen Völkerwanderung ging viel Wissen über den Obstbau verloren und die ohnehin spärlichen Obstgärten haben stark gelitten. Dank römischer Quellen war jedoch eine Wiederbelebung dieser Kultur möglich.

Durch die Herrschaft der Karolinger und oberdeutsche Klostergründungen von etwa 750 bis 1250 erfuhr der Obstbau eine gewisse Förderung. Das belegen der Klostergarten der Insel Reichenau, die königlichen Maierhöfe und kaiserliche Pfalzen, die bereits Anbauempfehlungen für Apfelsorten, wie „Gomaringer“ und „Geroldinger“ gegeben haben.

Natürlich spielten auch Kreuzzüge und Pilgerfahrten mit ihrem regen Austausch von Kenntnissen und Pflanzen eine Rolle. Davon zeugen Schriften der Äbtissin Hildegard von Bingen über die Heilwirkungen des Obstes und von Bischof Albertus Magnus als ordnenden Pomologen. Eine Ausbreitung erlebte der Obstbau in den Gärten des Adels und in denen der aufkommenden Bürgerschaft nach Stadtgründungen. Es entstehen Ortsnamen wie Apfeldorf, Birnbach, Birnau, Kirschweiler, Pflaumloch, Nußdorf.

Der 30-jährige Krieg stoppte die hoffnungsvolle Entwicklung des Obstbaues und ein behutsamer Neubeginn setzte erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein. Es kam zu einem landschaftsbezogenen Aufbau des Streuobstbaues auf ackerbaulich schwierigen oder weinbaulich ungünstigen Flächen. Auf den Randlagen von Schwarzwald und Odenwald, in den Tälern im Einzugsgebiet des Neckars, dem Keuperstufenrand und der Voralb entstand großräumig, mit hochstämmigen Bäumen auf Sämlingsunterlage meist mit Unterkultur genutzt, ein Streuobstbau. Er diente als Ergänzung der Nahrung (Dörrobst), als Verarbeitung zu „Most“ und als Obstbrannt.

Es kam zu einer starken Erhöhung und Verbreitung der Zahl der zufällig entstandenen Sorten bei Äpfeln und Birnen durch die großzügige Bereitstellung von Obstbäumen aus den landeseigenen Baumschulen an der Solitude (Vater Schillers, Johann Caspar) und später in Hohenheim durch Gartenbauinspektor Eduard Lucas. Mit der fortschreitenden Entwicklung des Anbaues der verschiedenen Obstarten zu erwerbswirtschaftlich geführten Kulturen zeigte sich schon zu Anfang des letzten Jahrhunderts die Notwendigkeit einer fachlichen Vorbildung für den Anbau dieser Sonderkulturen immer deutlicher auf. Gerade in Baden und Württemberg hat die Ausbildung von Baumwarten ihren Anstoß gefunden.

Schiller

Johann Caspar Schiller
1723 bis 1796

Als Vertrauter des württembergischen Herzogs Carl-Eugen
(1728 bis 1793) in Fragen des Obstbaus leitete
Caspar Schiller über 20 Jahre die herzogliche Baumschule
auf der Solitude in der Nähe von Stuttgart

Lucas führte 1837 den ersten Baumwartlehrgang in Hohenheim durch, später, 1843, wurde dort die Gartenbauschule errichtet. Wenn wir die Geschichte des Obstbaues studieren und uns die bis damals verfasste einschlägige Fachliteratur vergegenwärtigen, stellen wir fest, dass dem Bildungswilligen schon eine ganze Fülle noch heute gültiger theoretischer Grundlagen für den Obstbau vermittelt werden konnte. Schon immer wurde den Teilnehmern von Baumwartlehrgängen theoretisches Wissen und praktische Fertigkeit den Bedürfnissen der Praxis entsprechend in ausgewogenen Verhältnis nahegebracht.

Dem Polarwinter 1879/80 fielen in Baden und Württemberg große Teile des damals vorhandenen Obstbaumbestandes sowie ein großer Teil der Reben zum Opfer. Unter der Landbevölkerung entstand große Not.
Da auch die Baumschulbestände erfroren waren, war kein Pflanzmaterial für Neupflanzungen vorhanden. Aus dieser Notsituation heraus beauftragte der damalige Kreistag Freiburg Emmendingen 1881 einige Baumwarte mit der Gründung von kreiseigenen Baumschulen, um den Mangel an Pflanzmaterial und Beratung zu beheben und vor allem Hoffnung zu verbreiten.

Diese Form der Fachberatung war erfolgreich und fand Nachahmer in ganz Baden und Württemberg. 1880 erfolgte die Gründung des württembergischen Obstbauverbandes. Das Gründungsmitglied Nicolaus Gaucher aus Stuttgart begann mit obstbaulichem Unterricht in Stadt und Land. Mit der Ausweitung der Obstbaumanzucht wurden weitere Baumwarte ausgebildet.

Lucas

Eduard Lucas
geb. 1816 in Erfurth,
gest. 1882 in Reutlingen
war Leiter der Gartenbauschule in Hohenheim und anschließend Leiter des Pomologischen Instituts in Reutlingen

Gaucher

Nicolas Gaucher,
geb. 1846 in Chaumont (Frankreich),
gest. 1911 in Stuttgart ,
war Besitzer und Direktor der Obst- und Gartenbauschule in Stuttgart und Herausgeber der Zeitschrift "Gauchers praktischer Obstzüchter"

Im Jahr 1900 gab es in Württemberg bereits 1123 Gemeindebaumwarte und 31 Bezirksbaumwarte. Von den Landkreisverwaltungen, den Gemeinden und Oberämtern wurden schon damals Baumwarte mit beratender Funktion bestellt. Damit war eine Weitervermittlung von Kenntnissen und Erfahrungen aus vorangegangener Zeit auf breiter Basis geschaffen.

Dem Gebot der Zeit entsprechend erfolgte die Information besonders im Bereich der Sortenfragen, des Schnittes - der Veredlung - und der Düngung. Hinzu kam, dass durch krankheits- und frostbedingten Rückgang des Weinbaus die Nachfrage nach „Most“ - später auch nach einheimischem Tafelobst - stark anstieg. 1904 entstand die erste Obstbauschule in Überlingen. 1905 wurde die Württembergische Baumwartvereinigung gegründet. Als Hauptziel sollte eine einheitliche Baumwartausbildung innerhalb des Landes und eine angemessene Entlohnung der Baumwarte erreicht werden. In Zusammenarbeit mit dem Landesobstbauverband war man bemüht, die Obstkultur insgesamt zu fördern. So erfolgte nach der fünfjährigen Existenz einer eigenen Zeitschrift auch der Anschluss an die Fachzeitschrift des Landesobstbauverbandes „Der Obstbau“. Dem tüchtigen Baumwart mit umfangreicher Praxis wurde die Möglichkeit zur Meisterprüfung geboten nicht wenige haben davon Gebrauch gemacht und sind tüchtige Betriebsleiter, zum Teil wieder von anerkannten Ausbildungsbetrieben, geworden.

Organisatorisch haben die mit dem Obstbau nachhaltig Beschäftigten in den auf Kreisebene bestehenden obstbaulichen Arbeitskreisen Erwerbsobstbau bzw. Obstbauringen und damit in der Landesvereinigung Erwerbsobstbau eine Interessengemeinschaft gefunden. Die Baumwartvereinigung ist später darin aufgegangen.

Das wichtigste Mittel, den Obstbau zu fördern, das gesteckte Ziel zu erreichen, war damals wie heute die Vereinigung der nach einem gleichen Ziel Strebenden. Diese Erkenntnis mündet dann nicht nur in die Gründung der “Obst- und Gartenbauvereine“ ein, sondern führte auch zum Zusammenschluss der für den Obstbau tätigen Berater im „Verband“, wie er heute genannt wird („Verband der Bediensteten für Obstbau, Garten- und Landespflege BadenWürttemberg e.V.“)

Für den Baumwart wurde nach den anfänglichen Schwerpunkten, wie verbesserte Pflegemaßnahmen mit Säge und Schere, zunehmend die harmonische Ernährung der Obstgehölze und der fortschreitende vielgliedrige Pflanzenschutz zum immer umfangreicheren Aufgabenfeld.

In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg trugen die Maßnahmen zur Umstellung der Anbaustruktur vor Ort in hohem Maße die aktiven Baumwarte. Es kam zu einer Neuorientierung des Obstbaues mit Schwerpunkt Apfel im Anbau und am Markt. Später kamen laufende Verbesserungen hinsichtlich Produktivität der Fruchtqualität hinzu. Bei einer derartig vielfältigen Entwicklung wurden auch die Anforderungen an die Beratung immer umfangreicher und tiefgreifender.

Von den ursprünglich oft nur teilzeitbeschäftigten Bezirks- bzw. Oberamtsbaumwarten ausgehend, richteten die Landkreise nach und nach die feste Institution der Obstbauberatung ein. Entsprechend den wachsenden Anforderungen an die Beratung wurden auch die Einstellungsvoraussetzungen für die Berater höher gesteckt.

Seit 1923 haben sich die Berater des Landes im Verband der Kreisobstbaubeamten - heute „Verband der Bediensteten für Obstbau, Gartenbau und Landespflege Baden-Württemberg e.V.“ zusammengeschlossen. Seit dem Zusammenschluss des württembergischen und badischen Verbandes 1965 waren in Folge Fritz Frick, Überlingen, Erich Schmid, Ludwigsburg, und derzeit Andreas Schneider-Marfels die Landesvorsitzenden.

Für die bei den Landkreisverwaltungen eingerichteten Fachberatungsstellen - eine Freiwilligkeitsleistung - wurden zunehmend graduierte Ingenieure - heute Fachhochschul-absolventen im Fachbereich Obst-, Gartenbau und in der Landespflege tätig. Neben der obstbaulichen Beratung im Erwerbs- und Selbstversorgerobstanbau gewann die Förderung bürgerschaftlicher Aktivitäten im Grünbereich und die Tätigkeit im Bereich der Landschaftspflege und des Naturschutzes steigende Bedeutung. Die Landkreise haben zum Teil die Dienststellen der Beratung entsprechend dieser vielschichtigen und zusätzlichen Aufgabenstellung neu strukturiert.

Die Fortbildung im Beruf war und ist eines der Ziele unseres Verbandes. Durch die Fortbildungsveranstaltungen des Ministeriums Ländlicher Raum Baden-Württemberg sowie der Regierungspräsidien erfolgt in dankenswerter Weise eine gut funktionierende Koordination und Weiterbildung der Beratungskräfte in unserem Land. Es ist auch unbestritten, dass bei den zunehmend komplizierteren Produktionsabläufen und den harten Wettbewerbsbedingungen der wissenschaftlich fundierte und schnelle Informationsfluss zum Berater, der interne Erfahrungsaustausch und die Informationsweitergabe vom Berater zum Erzeuger heute wichtiger denn je ist.

 



© Andreas Schneider-Marfels, Freiburg
Dieser Beitrag ist aus dem Buch "Vom Kreisbaumwart zum Fachberater für Obst- und Gartenbau" entnommen.

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